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Nicht offensichtlich, aber stetig: Unsere Alpen sind bedroht

Die Alpen erscheinen uns als Selbstverständlichkeit – die Artenvielfalt, die sie beherbergen, könnte es bald nicht mehr sein. Der Abteilungsleiter für Biodiversität des WWF Schweiz erklärt, wie wir unsere Naturjuwelen schützen können und was er von Wasserkraft und Bären hält.

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Trockenwiese: Oft schwer zugänglich und in wenig ertragreicher Lage werden die artenreichen Lebensräume kaum mehr genutzt und drohen immer mehr zu verbuschen (Terrassenlandschaft im Smaragdgebiet Ardez). WWF/YANNIK ADREA

Die Schweizer Alpen prägen seit tausenden Jahren das Bild unseres Landes. Weshalb ist unser Alpenraum bedroht?

Walter Wagner: Keine andere Bergregion der Welt wird so intensiv genutzt und ist so dicht bevölkert wie die Alpen. Der Ausbau von Winterinfrastrukturen zerstört Lebensräume oder Beschneiungsanlagen greifen in den natürlichen Wasserhaushalt ein.

Durch den Wandel in der Landwirtschaft nimmt die Vielfalt von Flora und Fauna ab. Dies mag nicht so offensichtlich sein, wie die Waldschneisen in einem Skigebiet. Aber durch die intensive Nutzung von gut zugänglichen Flächen werden Pflanzen- und Tierarten durch Düngemittel und künstliche Bewässerung teils unwillentlich verdrängt.

Durch Flussbegradigungen oder Staudämme werden Süsswasserlebensräume zerstört. So stellen auch Wasserkraftanlagen eine Bedrohung für die Alpenwelt dar.

Aber eigentlich gelten doch gerade Wasserkraftanlagen als ökologisch, da sie im Gegensatz zu Atomkraftwerken „sauberen” Strom generieren?

Wasserkraftanalgen sind für den geplanten Atomausstieg von zentraler Bedeutung. Nicht jeder Strom aus Wasserkraft ist aber automatisch „sauber”. Einerseits wird in Speicherkraftwerken oft billiger Strom aus Kohle oder Kernkraft eingesetzt, um Wasser zu einem Reservoir hochzupumpen. Andererseits werden durch Stauwehre und Wasserentnahmen Süsswasserlebensräume geschädigt oder Flussstrecken zerstört.

Im Rahmen des Europäischen Alpenprogramms des WWF setzen wir uns für nachhaltige Wasserkraft ein und unterstützen deshalb grüne Zertifikate wie etwa das „Naturemade Star” Label, die an strenge ökologische Kriterien gekoppelt sind. Ebenfalls setzt sich der WWF für eine verbesserte Effizienz der bestehenden Wasserkraftanlagen ein, indem etwa alte Turbinen ersetzt werden.

Wie sich der Alpenbogen quer durch Europa zieht, so ist auch das Europäische Alpenprogramm des WWF ein grenzüberschreitendes Schutzprogramm. Welche Projekte verfolgen Sie in der Schweiz?

Der WWF hat in der Schweiz sieben sogenannte Priority Conservations Areas definiert – Gebiete, die ökologisch besonders wertvoll und somit schützenswert sind, sozusagen die Naturjuwelen der Alpen.

Ein Naturjuwel ist etwa das Gebiet im Südtessin um den Monte Generoso. Die Bäche und Flüsse beherbergen unzählige Tierarten und dienen als Verbindung zwischen verschiedenen Lebensräumen. Hier setzt sich der WWF für die Renaturierung von Bachläufen ein. So konnten wir etwa eingedolte Bäche wieder freilegen, was z. B. den Feuersalamander sehr freut.

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Mit der Revitalisierung von Teppes de Verbois am Rand der Rhone konnte ein wichtiger Lebensraum für Wasserfögel und unzählige Amphibien wieder hergestellt werden. WWF/ALESSANDRO DELLA BELLA

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Hochstammobstbaum-Pflanzung im Unterengadin: Sie bereichern die Biodiversität und bieten etwa auch für den Steinkauz neue Nistmöglichkeiten. z.V.g. WWF

Auch die sogenannten Trockenwiesen im Tessin, Wallis und Engadin hat der WWF als besonders schützenwerte Flächen identifziert. Weshalb gelten diese Gebiete als Naturjuwelen, wo doch der Name mehr nach Einöd klingt?

Was nach einfältiger Steppenlandschaft tönt, ist in Wirklichkeit ein farbenprächtiges Paradies voller seltener Pflanzen und Insekten. So findet man auf Trockenwiesen Feuerlilien oder verschiedene Orchideenarten und viele vom Aussterben bedrohte Wildbienenarten.

Auch für die Rückkehr von grösseren Tieren wie Bären oder Wölfe engagiert sich der WWF. Gleichzeitig setzt man sich für den Herdenschutz ein, damit Schafe durch Herdenhunde vor eben solchen Grossraubtieren geschützt werden. Ein Widerspruch?

Diese Engagements mögen zwar gegensätzlich erscheinen, haben aber beide das Ziel, die Artenvielfalt in unserer Natur zu bewahren und das Nebeneinander zu gewährleisten. Der WWF siedelt nicht aktiv Bären in der Schweiz an. Wenn sie aber natürlicher Weise in unsere Alpen einwandern, wollen wir die Gesellschaft so vorbereiten, dass die Tiere nicht aus irrationalen Gründen abgeschossen werden. Mit Herdenschutz, bärensicheren Abfalleimern oder Elektrozäunen für Bienenhäuschen wollen wir Konflikte verhindern und ein Nebeneinander ermöglichen.

Welche Erfolge konnten Sie mit dem Europäischen Alpenprogramm bereits feiern?

Gerade im Hinblick auf die Grossraubtiere ist das Wolfsrudel im Calanda ein schöner Beweis, dass das angestrebte Nebeneinander funktioniert.

Weiter ist es auch sehr erfreulich, dass im Rhein wieder Lachse entdeckt werden. Noch vor etwas mehr als hundert Jahren war der Rhein der grösste Lachsfluss Europas. Durch Wehre oder Kanalisierungen wurde dem Fisch die Laichwanderung verwehrt. Der WWF setzt sich für die Durchgängigkeit des Rheins ein, so dass dem Lachs der Weg zu Laichplätzen im Alpenraum wieder frei ist.

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Einst Ausgestorben: Im Gegensatz zu Bären wird die Zucht und Auswilderung von Bartgeiern zusammen mit PRO Bartgeier aktiv unterstützt. WWF SCHWEIZ

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Firmen können sich während sogenannten “Natur-Aktiv-Tagen” in WWF-Projekten engagieren – etwa bei der Hochstammobstbaum-Pflanzung im Unterengadin. z.V.g. WWF

Und mit welchen Herausforderungen sehen Sie sich aktuell konfrontiert?

Die grösste Herausforderung ist, dass unsere Gesellschaft eine verfälschte Wahrnehmung von Biodiversität hat. Wenn Sie in den Schweizer Alpen wandern, Steinböcke, Gämsen und Murmeltiere sehen und der Wanderweg von Enzian, Alpenrosen und Arnika gesäumt ist, würden Sie wohl sagen: Wie prächtig vielfältig unsere Natur doch ist. Man denkt nicht daran, dass es Insektenarten gibt, die sich nur von den Blüten einer Pflanze ernähren. Verschwindet die entsprechende Blume, stirbt auch die Tierart aus. Wenn dann z.B. Bienenarten aussterben, werden auch die restlichen Blumen nicht mehr bestäubt und verschwinden ebenfalls.

Es ist nicht alles aufs Erste so offensichtlich wie der Lachs, der aus dem Rhein verschwunden ist.

Was ist Ihre persönliche Motivation, um sich im Europäischen Alpenprogramm zu engagieren?

Ich darf mich täglich an der Vielfalt unserer Natur erfreuen. Ich will aktiv etwas dafür tun, dass dies auch die folgenden Generationen können und wir Ihnen eine lebenswerte Schweiz hinterlassen.

Für jede Neuregistration auf mySanagate unterstütz Sanagate das Projekt Alpen mit CHF 5.00. Was können Interessierte sonst noch tun, um das Europäische Alpenprogramm zu unterstützen und zum Schutz dieses einzigartigen Naturerbes beizutragen?

Firmen können sich für Natur-Aktiv-Tage anmelden. Jährlich helfen uns so viele zusätzliche Hände etwa Wiesen zu entbuschen oder beim Auslichten von Wäldern. Privatpersonen können sich auf für Engagements in den regionalen WWF-Sektionen melden.

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 Checkliste: Respektvoller Umgang mit der Alpenwelt
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Walter Wagner. z.V.g.

Walter Wagner

Walter Wagner ist Abteilungsleiter Biodiversität des WWF Schweiz und ist somit verantwortlich für die Naturschutzarbeit des WWF Schweiz in der Schweiz und im gesamten Alpenraum. In seiner Freizeit schätzt er es, die Biodiversität beim Wandern zu geniessen oder in seinem Garten für Vielfältigkeit zu sorgen.

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